Psychologische Voraussetzungen für die Nutzung einer Proximity Tracing-App

22. Apr 2020, Yannic Meier und Nicole Krämer

Mithilfe einer „Corona-App“ soll ermittelt werden, ob man über einen längeren Zeitraum (ca. 15 Minuten) in die Nähe von an der Lungenkrankheit Covid-19 erkrankten Personen gekommen ist und, wenn das der Fall ist, darüber mittels Push-Benachrichtigung informiert werden. Vorsorglich sollte man sich dann in Quarantäne begeben und sich gegebenenfalls testen lassen.

Mithilfe einer „Corona-App“ soll ermittelt werden, ob man über einen längeren Zeitraum (ca. 15 Minuten) in die Nähe von an der Lungenkrankheit Covid-19 erkrankten Personen gekommen ist und, wenn das der Fall ist, darüber mittels Push-Benachrichtigung informiert werden. Vorsorglich sollte man sich dann in Quarantäne begeben und sich gegebenenfalls testen lassen.

Tracing (das Prinzip, auf dem die App beruhen soll) ermittelt im Gegensatz zum Tracking keinen genauen Standort. Das heißt, es werden keine Daten darüber gesammelt, wo sich eine Person aufhält. Es kann lediglich ermittelt werden, ob und welche anderen Geräte sich in der Nähe (ca. 1,5 bis 2,5 Meter) befinden. Es sollen darüber hinaus keine personenbezogenen Daten gesammelt werden.

Da die Nutzung der App auf Freiwilligkeit beruhen soll und muss (vgl. Blog-Beitrag zur datenschutzgerechten Gestaltung einer App), ist es mit Blick auf die Wirksamkeit von immenser Wichtigkeit, eine ausreichend große Menge an Personen zu motivieren, die App zu nutzen. Nach Einschätzung von Virologen müssten etwa 60% der Bevölkerung die App installieren und sich an die Quarantäne-Vorschriften halten. Noch herrscht allerdings auch unter Expert*innen Uneinigkeit über die potenzielle Wirksamkeit der App.

Einschlägige Theorien und Befunde zur Nutzung privatheitssensitiver Technologien zeigen, dass Nutzer*innen die Vorteile einer Technologie klar erkennen müssen, damit ein Anreiz geschaffen wird, diese zu nutzen. Mögliche Anreize, die App zu nutzen, könnten sein, dass ab einer gewissen Anzahl an Nutzer*innen (60-70% der Bevölkerung), geltende Kontaktsperren gelockert werden können. Damit dies wirklich als Anreiz dienen kann, muss allerdings kommuniziert werden, durch welche Funktionsweise die App das Ziel der Verminderung der Ansteckung tatsächlich erreichen kann. Nur dann können die potenziellen Nutzer*innen das notwendige Gefühl der Selbstwirksamkeit erreichen – sowohl dahingehend, dass sie selbst es schaffen, die App sinnhaft einzusetzen als auch dahingehend, dass sie durch die Nutzung der App wirklich zum gewünschten Erfolg beitragen können. Extrinsische Belohnungsreize, die die Bereitschaft zur Nutzung der App erhöhen könnten, entfallen, da die Nutzung anonym ist und keine personenbezogenen Daten erfasst werden. Stattdessen sollte die Kommunikation der potenziellen Vorteile auf die Erhöhung intrinsischer Motive – sowohl prosozialer als auch selbstbezogener Art – abzielen. Hier könnte das prosoziale Motiv, andere Menschen schützen zu können, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die App zu nutzen. Ein weiterer denkbarer Motivator wäre die Möglichkeit einer frühen Erkennung einer eigenen Infektion. Insgesamt kann eine hohe Wichtigkeit abgeleitet werden, potenzielle Nutzer*innen durch gezielte Kommunikation auf die Vorteile der App aufmerksam zu machen, da ansonsten unabhängig von der Datenschutzlage keine Nutzung erfolgen wird.

Den potenziellen Vorteilen stehen mögliche Privatheitsbedenken gegenüber, die sich auf die Wahrnehmung von Kontrolle über die eigenen Daten, das Vertrauen in den App-Betreiber und die technische Infrastruktur der App selbst beziehen können. Die Wahrnehmung von Risiken und das Gefühl, keine Kontrolle zu haben, was mit den Daten geschieht, könnte die Nutzungsbereitschaft in der Bevölkerung senken. Dabei muss zum einen eine vertikale Privatheit sichergestellt und kommuniziert werden, das heißt, es muss garantiert werden können, dass andere Nutzer*innen keinen Zugriff auf private Daten erhalten. Zum anderen muss horizontale Privatheit gewährleistet werden in dem Sinne, dass der Betreiber der App ebenfalls keinen Missbrauch der Daten betreiben kann. Hinsichtlich letzterem muss daher transparent kommuniziert werden, wer die App betreibt und wer auf die Daten Zugriff erhalten kann bzw. nicht erhält. Um den Fokus der Kommunikation gestalten zu können, wäre es hilfreich, vorab empirische Daten dazu zu sammeln, welche Privatheitsbedenken im Vordergrund stehen, um diese Bedenken gezielt ausräumen zu können. Zur Verringerung von Privatheitsbedenken sowie zur Förderung von Vertrauen in die App könnte beispielsweise ein offener Quell-Code beitragen, der von unabhängigen Datenschützer*innen und anderen Expert*innen überprüft werden kann. Des Weiteren ist vollständige Transparenz darüber, welche Daten die App sammeln kann, unerlässlich. Das Gefühl von Kontrolle, über die eigenen Daten bestimmen zu können, kann dadurch gestärkt werden, dass Nutzende zu jeder Zeit die Möglichkeit haben, die Nutzung der App zu beenden, was mit einer direkten Löschung der Daten einhergeht.

Um eine breite Nutzung zu gewährleisten, müssen somit mögliche Privatheitsrisiken minimiert werden und Nutzer*innen müssen transparent über diese informiert werden. Aber auch die Vorteile der App im Hinblick auf die Wirksamkeit müssen deutlich kommuniziert werden.


Über den Autor

Yannic Meier ist Doktorand am Lehrstuhl für „Sozialpsychologie – Medien und Kommunikation“ an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten “Forum Privatheit”. Er forscht zu privatheitsrelevantem Online-Verhalten.


Nicole Krämer ist Professorin für „Sozialpsychologie – Medien und Kommunikation“ an der Universität Duisburg-Essen und betreibt seit vielen Jahren empirische Forschung zu den psychologischen Auswirkungen neuer Technologien. Prof. Dr. Nicole Krämer ist Partnerin im “Forum Privatheit”.

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