24.03.2026
8. und
9. Oktober 2026, Villa Elisabeth, Berlin
Die europäische Datenschutz- und Digitalregulierung steht unter Druck. Während der Ausbau des Rechtsrahmens – von der DSGVO über den Digital Services Act bis zur KI-Verordnung – lange als Schlüssel zur Stärkung europäischer Werte, digitaler Souveränität und eines eigenständigen Innovationsmodells galt, verdichten sich Stimmen aus Politik und Wirtschaft, die vor „Überregulierung“ warnen: Übertriebener Datenschutz und zu enge KI-Regulierung, so lautet die Kritik, bremse datengetriebene Geschäftsmodelle, verzögere Forschung und schwäche die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas. Zugleich drohen geopolitische Verschiebungen und wirtschaftlicher Druck, mühsam aufgebaute Schutzstandards zu unterlaufen.
Demgegenüber steht die Sichtweise, dass ein hohes Datenschutzniveau und eine menschenzentrierte KI-Regulierung ein strategischer Vorteil sein kann: Sie schaffen Vertrauen, erhöht die Qualität digitaler Produkte und Dienstleistungen, eröffnet neue Märkte – etwa im Privacy‑Tech‑Bereich –, stärkt digitale Souveränität und hat durch den „Brüssel‑Effekt“ weltweite Wirkung. Empirische Studien zeichnen ein differenziertes Bild: Unternehmen berichten über steigende Compliance‑Aufwände, Rechtsunsicherheiten und Verschiebungen von radikalen zu eher inkrementellen Innovationen. Gleichzeitig nutzen insbesondere innovative und stark digitalisierte Unternehmen die DSGVO und weitere EU‑Regelwerke, um sich positiv im Wettbewerb zu differenzieren und interne Governance‑Strukturen zu verbessern. Besonders kleine und mittlere Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen kämpfen jedoch mit unklaren Rechtslagen und hohem administrativem Aufwand.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich digitale Innovation und europäische Werte so miteinander verbinden lassen, dass Europa im globalen Wettbewerb bestehen kann, ohne Grundrechte und demokratische Strukturen infrage zu stellen. Sind Datenschutz und andere europäische Werte ein Innovationshemmnis – oder vielmehr Voraussetzung für Vertrauen, digitale Resilienz, Datenhoheit und nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit? Welche Innovationen wollen wir – und zu welchen Bedingungen?
Im Spannungsfeld zwischen „Innovation first“ und „Values by Design“ zeigen sich zentrale Konfliktlinien: Forderungen nach maximalem Datenzugang für KI, personalisierte Medizin, Smart Cities oder Sicherheitsforschung stehen Grundsätzen wie Zweckbindung, Datenminimierung und informationeller Selbstbestimmung gegenüber. Kleine und mittlere Unternehmen sowie Start‑ups sehen sich überproportionalen Compliance‑Lasten ausgesetzt, während große Plattformen Skalenvorteile nutzen. Forschungsfreiheit kollidiert mit den Rechten Betroffener, mit Betriebs‑ und Geschäftsgeheimnissen sowie mit Anforderungen der demokratischen Ordnung. Gleichzeitig bleiben praktische Fragen offen: Wie können KI‑Systeme trainiert werden, ohne massenhaft auf geschützte Daten zuzugreifen? Wie lässt sich die flächendeckende Verhaltensanalyse durch Plattformen begrenzen? Wie können Forschungsdaten über Grenzen hinweg geteilt werden, ohne Schutzstandards zu unterlaufen?
Im Rahmen der Jahrestagung der Plattform Privatheit 2026 soll erörtert werden, wie werteorientierte Innovation gestaltet werden kann, die sowohl Grundrechte wahrt als auch Europas technologische und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit stärkt. Die Tagung will diese Debatte aus interdisziplinärer Perspektive führen und dabei folgende zentrale Fragen adressieren:
Zum Spannungsverhältnis zwischen Innovation und Regulierung:
Zu rechtlichen und regulatorischen Aspekten:
Zu technischen und organisatorischen Lösungsansätzen:
Zu wirtschaftlichen und wettbewerblichen Dimensionen:
Zu gesellschaftlichen und wertebasierten Perspektiven:
Zur politischen Gestaltung und Governance:
Zum Rahmenthema, aber auch zu allen angrenzenden Themen (Datenschutz, Privatheit, Überwachung, Netzpolitik, KI-Regulierung, Cybersicherheit) bitten wir um die Einreichung von Vorschlägen für Beiträge (Vorträge und Poster) von akademischen und industriellen Forschern, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern, Datenschutzbehörden, Nichtregierungsorganisationen, der Zivilgesellschaft sowie aus allen relevanten Disziplinen (u. a. Informatik, Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Philosophie, Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft).
Vorschläge können bis zum 15. Juni 2026 in Form eines aussagekräftigen „Extended Abstracts“ (Umfang: 500 bis 1.000 Wörter) über das Konferenzmanagementsystem EasyChair eingereicht werden:
https://easychair.org/conferences?conf=plattformprivatheit20
Die Bewertung und Auswahl der Vorträge und Poster für das Programm der Konferenz erfolgt durch das Programmkomitee (s. u.) und den Beirat der Plattform Privatheit.
Ausgewählte Vortragsbeiträge werden in ausgearbeiteter Form (6.500 Wörter) nach der Tagung in einem Sammelband veröffentlicht, der in der Reihe „Privatheit und Selbstbestimmung in der digitalenWelt“ im Nomos-Verlag, Baden-Baden, erscheinen wird. Poster-Präsentatoren haben die Möglichkeit, einen Kurzbeitrag in den Posterproceedings zu veröffentlichen, die zum Zeitpunkt der Konferenz erscheinen.
Die Konferenzsprache ist Deutsch, Beiträge auf Englisch sind nach Absprache möglich.
Frist für die Einreichung von Abstracts ................................................... 15. Juni 2026 (AoE)
Anmeldung zur Konferenz ............................................................................. ab 1. Juli 2026
Benachrichtigung über die Annahme ....................................................... 15. Juli 2026
Veröffentlichung des Konferenzprogramms ......................................... Ende Juli 2026
Konferenz ............................................................................................................... 8.–9. Oktober 2026
Einreichung von Beiträgen für den Tagungsband ............................... 31. Dezember 2026
Erscheinungsdatum des Tagungsbandes ............................................... ca. Juni 2027
Programmkomitee
Michael Friedewald, Alexander Roßnagel, Murat Karaboga, Christian Geminn
Wissenschaftskommunikation
Barbara Ferrarese
Organisation
Sabine Muhr